„Der Baum: Ich bin ein Teil der Schöpfung. Das gibt mir Selbstvertrauen“

Zweite Gesprächsrunde
mit Dr. Erika Haindl, Kulturanthropologin

Im Rahmen der Ausstellung „Ich bin ein Narr“
Hermann Haindl zum 90. Geburtstag


Obwohl Hermann Haindl schon als Kind das Theater als selbstverständliche Arbeitswelt des Vaters kennengelernt hat, fand er durch die Großeltern mütterlicherseits ebenso früh natürliche Schutzräume und genügend Freiheiten für seine kindliche Fantasie.

Siebzehnjährig als „Letztes Aufgebot“ in die Wirren des Endes des Zweiten Weltkriegs gezwungen, geriet Hermann Haindl nach wenigen Wochen für fast vier Jahre in russische Kriegsgefangenschaft. Er hat es oft erzählt: Während der lähmenden Verzweiflung der wochenlangen Quarantäne entdeckte er zwischen dem Stacheldraht, der die Ödnis des Gefangenlagers umgab, ein winziges Birkenbäumchen. Er beobachtete tagelang, wie sich die kleinen Blättchen entfalteten. Dieses fundamentale Erkennen der Naturenergie hat ihm oftmals auch in extremen Gefährdungen Kraft zum Durchhalten gegeben.

Für ihn wurde das „Wesen Baum“ zum Prinzip, in dem sich seine eigenen Erkenntnisse wiederfanden. Ein Freund hat es später einmal so gesagt: „Du zeichnest von Bäumen das Wesentliche – das lässt sich nicht fotografieren.“

„Was aber ist „das Wesentliche eines Baums?“ Entsteht möglicherweise aus dem Zusammenwirken von Pflanzenenergien mit den intuitiv schöpferischen Kräften eines für diesen Prozess sensiblen Menschen etwas Neues?

Hermann Haindl erlebte diese eigenartige Synthese als eine Art medialer Erfahrung. Er verstand es folgendermaßen: „Nachdem ich mich Jahre lang ausschließlich mit Bäumen befasst habe, hat sich das so verinnerlicht, dass mir jetzt die Bilder von Bäumen „aus den Händen fallen“, sie wie von selbst entstehen. Ich bin jedes Mal darüber erstaunt, dass meine Baumbilder entstehen, ohne dass ich eine Vorstellung davon habe – ohne dass ich wüsste, wie das Resultat entsteht.“

Waren Hermann Haindls Waldbilder der frühen fünfziger Jahre gewissermaßen Baum-Gruppenbilder, in denen Wald als lebendig-vielgestaltiges Kollektiv dargestellt wurde, in dem sich die Individualität des einzelnen Baumgeschöpfes in die alles verbindende Waldgemeinschaft einordnete, so kristallisierte sich im Laufe der Lebensjahrzehnte für Hermann Haindl immer mehr die Faszination für die einzelne Baumindividualität heraus. Es wird im Altern erfahrbar, dass Menschen und Bäume einander ähnlich werden; in beiden zeichnen sich die Erfahrungen ihrer ganzen Leben ab: Wunden, die im Laufe der Zeit vernarben durch die Kraft neuen Wachstums. Auch wir Menschen werden im Laufe des Lebens gezeichnet durch Siege und Verluste, durch Leiden und Überwinden, durch Erfahrung von Liebe oder Einsamkeit.

Ist es nicht symptomatisch, dass immer mehr Menschen die Bedeutung der Natur für unsere seelische Befindlichkeit wiederentdecken? Es sind zunehmend ältere Menschen von einer nicht zu leugnenden Verunsicherung betroffen, auch deshalb, weil sie mit den atemberaubenden Veränderungen der Gegenwart nicht mehr Schritt halten können. Der Philosoph Sloterdijk nennt diesen Zustand „metaphysische Obdachlosigkeit“, die er allerdings auch bei jüngeren Menschen in den westlichen Gesellschaften erkennt.


Weitere Informationen:

Erika Haindl | Hauptstraße 21 | 65719 Hofheim | Telefon 06192 24158
e.haindl@zentrumhofheim.de


Gesprächsrunde


Sonntag, 10. September 2017
11.15 Uhr

Stadtmuseum Hofheim am Taunus
Burgstraße 11, 65719 Hofheim a. Ts.

5,– € Eintritt*
4,– € ermäßigt

Veranstalter:
Stadtmuseum Hofheim am Taunus