Wintersonnwende 2019
»Das Heute geht gespeist durch das Gestern in das Morgen«

Liebe Christkinder und Weihnachtsmänner,

am 21.12. haben wir die Wintersonnwende miteinander gefeiert und Erika und Hermann Haindls Vermächtnis geehrt. Das Thema: „Das Heute geht gespeist durch das Gestern in das Morgen“, war eine Erkenntnis, die Bertold Brecht aufgeschrieben hat. Wahrscheinlich in einem Augenblick innerer Ruhe und Festigkeit. Die Erleuchtung traf ihn vielleicht wie ein Blitz, sodass er sofort alles aufschreiben musste. Worte, nach denen er lange gesucht hatte, die er trotz allen Bemühens einfach nicht finden konnte, und plötzlich waren sie da! Wahrscheinlich hat er nach der Niederschrift erleichtert den Bleistift von sich geworfen, weil er die richtigen Worte gefunden hatte.

Was hat Erleichterung eigentlich mit Erleuchtung zu tun?

Wir alle sehnen uns nach Licht, weil ihm eine Dunkelheit vorausgeht. Dunkle Zeiten im Leben sind Zeiten, in denen der Druck zunimmt. Die Ereignisse folgen einander immer schneller. Man hat keine Zeit mehr, sich zu sortieren und den nächsten Schritt zu überlegen. Da die Beschleunigung des Lebens und der Existenzdruck zunehmen, wird das Leben immer komplizierter.

Die Herausforderungen für uns rühren daher, dass wir an vertrauten Formen der Wahrnehmung unseres Seins festhalten, während wir einen Paradigmenwechsel vollziehen müssten. – Dabei ist das Positive an Wendezeiten, dass plötzlich Wahlmöglichkeiten auftauchen, die wir vorher nicht gesehen haben oder für unwichtig hielten. (Denkt an ein Vexierbild: Sobald wir imstande sind, den Vordergrund eines Bilds zugunsten des Hintergrunds zu verschieben, sehen wir das zweite, uns bisher verborgene Bild. Aber wir können nicht beide Bilder gleichzeitig sehen. Beispiel: das Bild des Kelchs und der Gesichter.) Der Zusammenbruch alter Gewohnheiten (wenn der Hintergrund zum Vordergrund wird) schafft eine Gelegenheit, sich schnell und radikal in neue Richtungen zu bewegen (persönlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich, ökologisch, spirituell z.B.). Die Einladung an uns besteht darin, die Möglichkeit der Freiheit zu erkennen, wenn die Gefängnistür aufgerissen wird!

Aber wie sich verhalten, wenn ringsum das Geschrei groß ist? Im chinesischen I-Ging gibt es ein Hexagramm, das „Wendezeit“ heißt. Es bedeutet Gefahr und Chance zugleich. Es besteht aus einer durchgehenden Linie an der Basis und fünf unterbrochenen Linien darüber. Übersetzt heißt das so etwa; es gibt nur eine einzige starke Linie, aber die bildet die Basis für einen Neuanfang. Alles darüber ist gebrochen und kann jederzeit umgewandelt werden. Hermann Haindl hat das Hexagramm Fu der Karte „Vier der Schwerter“ zugeordnet.

Fu, die Wendezeit, bezieht sich auf die Wintersonnwende, die längste Nacht des Jahres. Ab jetzt kann es nur noch heller werden! Die Karte der Vier Schwerter heißt im Haindl-Tarot „Augenblick der Ruhe“ und bezeichnet die Ruhe im Auge des Sturms, in der sich der Mensch der umgebenden Dynamik bewusst wird, aber nicht im Geschehen am Ereignishorizont des Sturms, sondern aus der Ruhe seines Zentrums heraus. Ein solcher Augenblick befreit uns von Druck und Dunkel, wir fühlen grenzenlose Erleichterung und wünschen uns, für immer an diesem Ort des Überblicks und der inneren Freiheit bleiben zu können.

Die Frage ist jetzt, wer erklärt uns, wie wir in das Auge des Sturms kommen? Das Christkind, der Weihnachtsmann? – Niemand! Das Auge des Sturms müssen wir in uns selbst finden. (Aha. Alles muss man selber machen!) Es ist nicht die Situation, die uns bindet; es ist unsere Wahrnehmung von der Situation. (In etwa im Schema: Was dem Einen sein Uhl, ist dem Andern sein Nachtigall.) Also nicht die Situation hält uns gefangen, sondern wie wir sie betrachten. Es geht darum, eine Tür zu finden, durch die wir aus der Wahrnehmungskiste, in der wir festsitzen, aussteigen können. Eine mögliche Tür ist Neugier. Oder Dankbarkeit, Würdigung des Lebens. Andere Türen sind z.B. Wut, Panik und Schuldzuweisungen. Die verschaffen uns aber keine Atempause und keine Lösungen. Sie hinterlassen uns wütend, panisch und schließlich erschöpft. Wenn aber unser Fokus auf der Neugier liegt, können wir neue Lösungen finden. – Dazu brauchen wir nur eine kleine Bewegung im Bewusstsein außerhalbder liebgewordenen linearen Reiz-Reaktions-Muster. Selbst inmitten chaotischer Verhältnisse und persönlicher Qual … wenn wir etwas finden, wofür wir dankbar sein können, verändert sich alles. Sei es nun die Dankbarkeit für einen Regen nach langer Dürre, ein Lächeln eines Mitmenschen, die Treue des Haustiers, eine Muschel am Strand, eine alte Melodie oder der Geruch von Zitrusfrüchten, Zimt und Kardamom, der uns an die Weihnachtsfeste unserer Kindheit erinnert…

Da fliegen uns eben noch die Weltentrümmer um die Ohren; aber plötzlich wird es ruhig, ein Blatt segelt lautlos zu Boden, eine ausgerupfte Feder steckt keck im Holz und auch die Schwerter hängen bewegungslos und ordentlich in der Luft. In diesem atemlosen Augenblick werden uns die Scharaden, die wir einander erzählt haben, bewusst. Wir sind der Raum der Wahrnehmung. Wie dieser Raum die Wahrnehmung formt, düster oder licht, leicht oder schwer, ist unsere Sache. Überlassen wir diese Interpretationen Anderen, begeben wir uns in deren Wahrnehmungsraum und machen uns gleichzeitig von deren Urteilen abhängig – das ist das „Storytelling“, das „Framing“, von dem heute häufig die Rede ist. Jeder Kriegshäuptling stellt sich als Sieger dar, auch wenn er die Schlacht verloren hat; das war schon zu Zeiten Ramses II. so. Die alten Formen des Versteckens funktionieren aber jetzt nicht mehr. Alles kommt ans Licht. Alles. Auch wir werden in diesem Licht plötzlich sichtbar, so wie wir sind; nicht wie wir die Anderen glauben lassen wollen, dass wir sind. Und genau dieser flüchtige Augenblick der Ruhe erfüllt uns mit Glück und unendlicher Erleichterung, weil wir uns nicht mehr verstecken müssen, weil wir keine Masken mehr tragen müssen, weil wir endlich das finden, was wir eigentlich sind. Wir können aufatmen, trotz des unübersehbaren Widerstands.

Wir sehen das heute sehr deutlich am Zusammenbruch aller möglichen Systeme, die wir für „sicher“ gehalten haben. Es geht um eine neue Art, mit uns selbst und mit der Welt zu leben. Spirituell gesehen befinden wir uns in einem Kampf zwischen Kräften, die uns gefangen halten wollen und solchen, die uns befreien möchten. Oder dramatischer: Wir befinden uns in einer Schlacht um unseren Geist, unser Herz und unsere Seele, unsere spirituelle Essenz, die unseren Körper bewohnt, um menschliche Erfahrungen zu machen. Eben das ist der größte Schatz, den es auf der Erde gibt: der so lebendige, spirituelle Funke, der in jeder/jedem von uns wohnt. Dieser Augenblick im Jahr ist nach wie vor eine reale Möglichkeit, die Kraft des spirituellen Lichts in uns und auf der Erde zu spüren und aus unserem tiefsten Inneren heraus zu verstärken. Denn dort findet Armageddon statt, in unserer Vorstellung genauer gesagt. – So stehen denn auch die Schwerter im Tarot für den trennenden Verstand. Dort, wo der Verstand versucht, das altvertraute, ängstliche Ich und sein selbstgezimmertes Dasein zu retten. Wichtig aber ist jetzt unser Herz. Dort will die Liebe hin, die Freude, die Kraft, die Ausstrahlung, der Lebenswille. Das Herz zu öffnen, die bedingungslose Liebe zu begrüßen und hereinzulassen, durch unseren Körper fließen zu lassen und am Schluss der Erde als Dank darzubieten: Das könnte unser Weihnachtsgeschenk sein.

In diesem Sinne wünschen wir Euch allen ein beglückendes, erleichterndes und erleuchtetes Fest!

»Ce soir Bethléem c’est nous!«

(„Heute Abend sind WIR Bethlehem!“ Gehört in einer Weihnachtspredigt in Sacré Coeur, Paris, erzählt von Siegfried Anding)

Zum Jahreswechsel wünschen wir allen Menschen den Mut zur Selbstermächtigung, den Mut zur Selbsterkenntnis und den Mut, sich zu zeigen. Dann werden wir sehen, wie wunderbar wir sind und wie gut wir einander tun!

Gabi Loesch für Arbeitskreis und Vorstand

P.S.: Eigentlich heißt Truce: Waffenstillstand. Es gibt im Englischen aber auch den Christmas Truce, den Weihnachtsfrieden. Das sollte uns zu denken geben …

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