Das Geheimnis der Steinzeithöhlen
mit Joachim Faulstich und Günther Cherubini

Kraftorte-Wanderung zur „Venus vom Hohle Fels“
und zum „Löwenmenschen“ auf der Schwäbischen Alb

ein Bericht von Erika Haindl


Sechs Höhlen, wie u. a. die des „Hohle Fels“ im Ach-Tal auf der Schwäbischen Alb mit den spektakulären Funden aus der Altsteinzeit wurden 2017 in die Liste der Weltkultur-Stätten aufgenommen. Sie gelten als Wiege menschlicher Kunst und Spiritualität.

Die diesjährige zweitägige „Kraftorte“-Wanderung des Zentrums für altes und neues Wissen und Handeln war zwei dieser Höhlen gewidmet, der Höhle im „Hohle Fels“ im Ach-Tal und der „Stadel-Höhle“ im Lonetal.

Wir hatten zunächst im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren das Original der sogenannten „Venus vom Hohle Fels“ aus Mammut-Elfenbein betrachten können. Die kleine Figurine wird der Kultur des „Homo sapiens“ zugeordnet, also dem „modernen Menschen“. Es ist eindeutig eine Frauenfigur. Sie wird von Archäologen auf 40.000 Jahre v.u.Z. datiert. Die hohe Präzision dieser kleinen Skulptur kann in dem gefundenen Zustand nur in einer langen Zeit kreativer Erprobung und Aneignung entstanden sein, die sich vermutlich auch nicht in Hunderten von Jahren vorzustellen ist.

Viele offiziellen Abbildungen, mit denen auf diese alte Kostbarkeit auf Plakaten hingewiesen wird, stellen den Frauenkörper mit den Einzelheiten eindrucksvoll dar. Das Original, in einer gesicherten Glasvitrine zu sehen, kann von allen Seiten betrachtet werden. Die sehr körperhafte Figur ist verblüffend klein: 5,97 cm. Man nimmt an, dass die vielen horizontalen Einkerbungen Bedeutungen schamanischen Inhaltes haben.

Für die Wissenschaft ist inzwischen durch Funde gesichert, dass der Homo sapiens um 40.000 v.u.Z. – ursprünglich aus Afrika stammend – in dem, was wir heute Europa nennen, angekommen ist. Neandertaler und der evolutionär einen „Schritt“ weiter entwickelte Homo sapiens muss ca. 10.000 Jahre lang in den gleichen Umgebungen gelebt haben, ohne dass es zu aggressiven Auseinandersetzungen gekommen war, denn die Archäologen haben keine Skelette bzw. Skelett-Teile mit Verletzungen gefunden, die auf kriegerische Handlungen hingedeutet hätten.

Noch immer kann die Archäologie die Gründe für das Verschwinden der Neandertaler nicht erklären. Inzwischen ist jedoch klar, dass hier, im schwäbischen Jungpaläolithikum, zahlreiche „kulturellen Innovationen“ aufgetaucht sind, die auf die Einwanderung des Homo sapiens zurückzuführen sind. Dazu zählen auch einige Bruchstücke von Flöten, die aufgrund unterschiedlicher Materiealien ganz unterschiedlich klingen. Fast alle der figürlichen Objekte aus der Zeit nach 40.000 v.u.Z. sind aus Mammut-Elfenbeinhergestellt; auch die sogenannte „Venus vom Hohle Fels“.

Am Original der Figur ist an der Stelle des Kopfes eine Schlaufe zu sehen, was darauf hindeutet, dass die kleine Skulptur vielleicht als Anhänger an einer Kette getragen wurde. Die dargestellte Körperlichkeit mit den großen Brüsten und der deutlichen Vulva ist ein Hinweis auf Fruchtbarkeit, die der Zelebration der Generationsfolge gedient haben könnte.

Die Frauen-Skulptur war in mehrere Teile zerbrochen und ist ziemlich dicht hinter dem Höhleneingang zusammen mit anderen Alltags-Gegenständen gefunden worden. Da die gewaltige Halle im „Hohle Fels“ wegen der Dunkelheit und Feuchtigkeit vermutlich nur im Eingangsteil zum Wohnen genutzt wurde, kann man von der Vermutung ausgehen, dass die Kostbarkeit der kleinen Frauenfigur um den Hals getragen wurde, vermutlich von einer Schamanin oder einem Schamanen oder vielleicht auch jeweils von einer schwangeren Frau, verbunden mit Gebeten für eine gute Geburt. Vielleicht hielten die Gebärenden die Figur auch während der Geburt in der Hand.

Wir hatten die Erlaubnis, die Höhle erst nach der Schließung für das Publikum zu betreten. Eine hochmotivierte Höhlen-Führerin hatte einige einführenden Hinweise gegeben. Da zwei unserer Hofheimer Seminarleiter unabhängig voneinander Vorschläge für diese Reise gemacht hatten, war unsere Gruppe mit zwei Experten gut vorbereitet. Was sich uns im „Hohle Fels“ räumlich darbot, hat alle Erwartungen übertroffen: der
Raum, die Akustik! Es war überwältigend!

Wir hatten uns vorgenommen, in der Höhle mit Flöten und anderen Instrumenten zu spielen. Zögernd stiegen einige Personen die steilen, kaum sichtbaren Stufen nach oben. In der Stille des gigantischen Raumes klangen die modernen Flöten so archaisch, wie sie vielleicht vor 40.000 Jahren auch geklungen haben. Während niemand ein Wort sagte, was banal gewesen wäre, in diesem Klangwunder in dem hohen natürlichen Kuppelraum gehört zu werden, stiegen immer mehr von unserer Gruppe die in die Felsen gehauenen unebenen Stufen hinauf. Zu welcher Zeit leben wir: heute – gestern – vor vielen Jahren – vor Jahrhunderten, vor Jahrtausenden? Für einen kurzen Moment hatten viele von uns die Gegenwart vergessen. Waren wir zu unseren eigenen Vorfahren geworden?

Einer unserer beiden Begleiter bat die Höhlenführerin darum, die wenigen Lichter zu löschen. Wir spürten im Dunkeln die hohe Kuppel aus Stein über uns. Worte von einem unserer beiden Begleiter drangen zwischen leisen Trommeltönen an unser Ohr, die wir hörten, aber nicht verstanden, es war Sprache, wie sie vielleicht schon die Menschen vor 40.000 Jahren ähnlich gesprochen haben?

Als wir aus der Höhle heraus ins Freie traten, war es dunkel geworden, und – wie hätte es anders sein können – am klaren Junihimmel waren in aller Klarheit einige Sterne zu sehen.

Am nächsten Tag haben wir in Ulm die relativ große „Löwenmenschenfigur“ gesehen, die mit unendlicher Geduld aus über dreihundert verstreuten Stückchen der zerbrochenen Skulptur wieder so weit als möglich zusammengesetzt worden war.

ln der Stadel-Höhle im Lonetal war die Fundsituation eine völlig andere gewesen: Die Figur wurde am Ende der immer niedriger werdenden Höhle in einer Nische gefunden, zunächst 1939 die ersten Bruchstücke und dann 2013 viele kleinste Einzelteile. In einem aufwändigen Restaurierungsverfahren wurden die zum Teil neugefundenen Teilchen zusammengefügt. Da die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich nicht einigen konnten, ob die Gestalt eine Frau oder ein Mann sei, einigte man sich auf „Löwenmensch“. Die Gestalt hat vermutlich bei rein kultischen Anlässen Verwendung gefunden. Der „Löwenmensch“, im Ulmer Museum im Original präsentiert, gilt als die bisher größte Skulptur der jüngeren Altsteinzeit.

Die Wissenschaft hat sich darauf geeinigt, die weiblichen Skulpturen aus der Vor- und Frühgeschichte generell alle als „Venus“-Figuren zu bezeichnen. Die Einengung auf den venusischen Aspekt, den Frauen mit Sicherheit auch ins archaische Gemeinschaftsleben einbrachten, wird jedoch dem extrem lebenserhaltenden Gebären der jeweils nächsten Generation nicht gerecht. Es wäre an der Zeit, eine passendere Bezeichnung für die auffallende Fülle der Frauenfiguren aus dem Paläolithikum zu finden.

Das Sterben war Jahrtausende mit der Wiedergeburt verbunden, erkennbar an rotem Ocker, der für das Blut der Toten stand. Schon in einem Neandertaler-Grab ist roter Ocker gefunden worden, mit dem der Tote bestreut worden war; Ocker galt offensichtlich als „Würdefarbe“ und hatte einen hohen Symbolwert. Es war die „Tödin“ als Todesgöttin: noch ohne Namen die Allmutter, die für „Geben und Nehmen“ stand: sie gab das Leben und nahm es wieder zurück, so wie in unseren Breiten der Baum das machtvollste Symbol für den Menschen geworden ist, der im Herbst sich müde entblättert, um im Frühjahr mit neuem Grün wieder aus der Winterstarre zu erwachen.

Wir haben uns am Sonntagmorgen vor dem Tor zum „Hohle Fels“ mit der eigenen Geschlechterrolle an die Vergangenheit angeschlossen. Die Berührung mit 40.000 Jahren wird eine Weile die eigene hektische Gegenwart verändern.